Was ist partizipative Forschung?
Partizipative Forschung ist ein kollaborativer Ansatz der Wissensgenerierung, der Betroffene eines Themas als gleichberechtigte Partner*innen in alle Phasen der Forschung einbindet. Anders als in der traditionellen Forschung, in der Expert*innen die Forschung gestalten und durchführen, teilt partizipative Forschung Macht und Entscheidungsfindung mit Mitgliedern der Community, die als Mitforschende agieren. Diese Mitforschenden helfen dabei, Forschungsfragen zu definieren, Daten zu erheben und auszuwerten sowie Erkenntnisse anzuwenden, um reale Wirkung zu erzielen.
Partizipative Forschung ist ein Oberbegriff für Forschungsmethoden, die die aktive Beteiligung von Mitgliedern der Community einbeziehen. Darunter stellen Co-Creation und Citizen Science eigenständige, sich jedoch überlappende Modelle dar, die sich jeweils darin unterscheiden, wie Macht, Wissen und Rollen im Forschungsprozess verteilt werden.
Verwurzelt in Inklusion und sozialer Gerechtigkeit, schätzt partizipative Forschung gelebte Erfahrung gleichrangig neben Expertenwissen. Sie fördert wechselseitiges Lernen und soziales Handeln in Communities, schafft Vertrauen, verbessert die Datenqualität und befähigt Teilnehmende, ihre gelebte Erfahrung einzubringen. Auf diese Weise liefert partizipative Forschung relevante und direkt umsetzbare Erkenntnisse, die mit lokalen Prioritäten im Einklang stehen.
Was sind Co-Creation und Citizen Science?
Innerhalb partizipativer Forschungsmethoden umfasst Co-Creation, dass Teilnehmende und Forschende gemeinsam Forschungsagenden erstellen, Methoden festlegen und Ergebnisse definieren. Der Fokus von Citizen Science liegt hingegen darauf, dass Angehörige der Allgemeinbevölkerung Forschung betreiben, etwa durch Datenerhebung oder -auswertung.
Es gibt verschiedene Typologien, um die vielfältigen Formen partizipativer Forschung, Co-Creation und Citizen Science zu erfassen (siehe zum Beispiel Shirk et al., 2012, und Bonney et al., 2009). Sie unterscheiden zwischen Contribution, Collaboration und Co-Creation, basierend auf dem Grad der Einbindung von Mitforschenden und dem Ausmaß an Kontrolle, das Forschungsteams bereit sind abzugeben. Mit zunehmendem Einbindungsgrad von Mitgliedern der Community können Projektteams inklusivere und wirkungsvollere Forschungsergebnisse erzielen.
Contribution bezeichnet Projekte, in denen Teilnehmende vorwiegend Daten nach von Forschenden entwickelten Protokollen erheben oder einreichen, in der Regel ohne Mitspracherecht bei anderen Teilen der Forschung.
Collaboration bindet Teilnehmende aktiver ein – nicht nur in die Datenerhebung, sondern auch bei der Präzisierung der Forschungsfragen, der Datenauswertung oder der Verbreitung der Forschungsergebnisse.
Co-Creation stellt den höchsten Grad der Einbindung dar, bei dem Mitglieder der Community und Forschende ihre Kräfte bündeln, um Forschung gemeinsam zu gestalten, durchzuführen und zu verbreiten, und dabei Kontrolle und Verantwortung während des gesamten Prozesses teilen.
Zentrale Aspekte von Co-Creation und Citizen Science:
- Aktive Beteiligung von Bürger*innen in mehreren Phasen der Forschung, etwa bei Entscheidungen zur Forschungsfrage, der Methodenwahl, der Datenerhebung, der Auswertung sowie der Interpretation und Verbreitung der Ergebnisse.
- Zusammenarbeit und gleichberechtigte Partnerschaften zwischen institutionell angebundenen Forschenden und unabhängigen Freiwilligen, die als Mitforschende agieren, zum Beispiel junge Menschen.
- Ein Bekenntnis zu wissenschaftlicher Sorgfalt, Transparenz und dem Teilen von Wissen.
- Empowerment, Kompetenzaufbau, Vertrauen und verbesserte Beziehungen zwischen Forschenden und den Communities, die sie erforschen.
Welche Vorteile bieten Co-Creation und Citizen Science?
Co-Creation und Citizen Science stehen für einen Wandel hin zu mehr Demokratisierung von Forschung und dem dadurch geschaffenen Wissen, wodurch Forschungsergebnisse inklusiver, transparenter und stärker an den Bedürfnissen der betroffenen Communities ausgerichtet werden. Diese Methoden legen den Schwerpunkt auf Gleichberechtigung, das Teilen von Wissen und umsetzbare Ergebnisse. Sie verwandeln jene, die traditionell nur "beforscht" wurden, in befähigte Mitwirkende und stärken die Verbindungen zwischen Fachleuten, Praktiker*innen und der Community zum gegenseitigen Nutzen. Co-Creation und Citizen Science bieten unterschiedlichen Beteiligten vielfältigen Nutzen, darunter Forschende, Communities, Teilnehmende und politische Entscheidungsträger*innen.
Vorteile für Forschende
Co-Creation inspiriert neue Forschungsagenden, indem sie neue Fragen aufwirft und Ideen einbezieht, die auf dem Wissen der Community beruhen. Das gilt besonders dann, wenn zu den Mitforschenden junge Menschen zählen, die üblicherweise nicht in Forschungsteams eingebunden würden. Die Einbindung von Mitforschenden sorgt außerdem dafür, dass Ergebnisse relevant und direkt umsetzbar sind. Dadurch steigt die Akzeptanz der empfohlenen Lösungen innerhalb der Community.
Vorteile für Communities
Für Communities fördern Co-Creation und Citizen Science das gemeinsame Lernen. Der Ansatz befähigt Mitglieder der Community, insbesondere junge Menschen, an Forschung teilzuhaben, und macht sie mit neuen und vielfältigen Sichtweisen vertraut, die innerhalb der Community bestehen. Indem Mitglieder der Community von Anfang an einbezogen werden, fördert Co-Creation eine Forschung, die relevant und transparent ist, und begünstigt den wirksamen Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis. Sie demokratisiert die Bedeutung und Praxis von Forschung und stärkt damit sowohl die Communities als auch die Ergebnisse, die sie von Institutionen erwarten können.
Das war bisher ein großartiges Projekt. Ich habe so viel über Charlotte gelernt, was ich vorher nicht wusste. Zum Beispiel, wie es funktioniert, wie bestimmte Fachbereiche arbeiten. Ich konnte so viele neue Leute kennenlernen, die sich für die gleichen Dinge begeistern wie ich. Ich hatte nie wirklich den Antrieb, mich mit Politik und meiner eigenen Stadt zu beschäftigen. Das ist also alles sehr neu für mich, und ich fand es sehr interessant.
Jasmine Bhojwani
Citizen Scientist, Charlotte
Es hat wirklich viel Spaß gemacht, mit den Leuten zu arbeiten. Es gibt so viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlichen Lebensweisen. Und dann einfach zu sehen, wie andere Dinge ganz anders wahrnehmen als man selbst, und zu erleben, wie junge Menschen, die man in Interviews trifft oder die Fragebögen ausfüllen, Politik sehen und wie sie mit Politik in Kontakt kommen. Das alles fand ich sehr interessant.
Felix Reinkemeier
Citizen Scientist, Düsseldorf
Vorteile für Teilnehmende
Teilnehmende an Co-Creation- und Citizen-Science-Projekten können direkt zu Forschungserkenntnissen beitragen. Ihre Beteiligung bietet jungen Menschen und Vertreter*innen in der Stadtverwaltung die Möglichkeit, Forschungskompetenzen aufzubauen, und kann ihr Verständnis und ihre Wertschätzung für evidenzbasierte Politikgestaltung vertiefen, wodurch die Idee gestärkt wird, dass fundierte Forschung Politik und Communities zum Besseren verändern kann. Durch ihre Teilnahme erlangen Mitforschende ein besseres Verständnis der Komplexität der Herausforderungen, mit denen die Community konfrontiert ist, tragen zur Entwicklung von Lösungen bei und können Selbstwirksamkeit in politischen Entscheidungsprozessen erfahren. Nicht zuletzt ist die Erfahrung auch bereichernd und fördert ein Gefühl von Vertrauen und Zugehörigkeit.
Ich finde, der ganze Workshop hat mir wirklich eine neue Erfahrung und die Motivation gegeben, tatsächlich Teil von etwas Größerem zu sein.
Eka Zubov
Citizen Scientist, Düsseldorf
Meine Meinung von der Stadt wurde besser, weil ich so dachte: ‚Schau dir diese Leute an, die für meine Stadt arbeiten.' Ich habe so viele Dinge gelernt, die ich vorher nicht wusste, die alle gemacht wurden, und auch, wie wichtig manche dieser Dinge eigentlich sind. Und ich dachte mir: ‚Oh, okay, also, das ist interessanter, als ich dachte. Ich kann sehen, wie viel Arbeit dahintersteckt, eine Stadt zu führen.'
Mauricio Martinez Aguirre
Citizen Scientist, Charlotte
Vorteile für politische Entscheidungsträger*innen
Politische Entscheidungsträger*innen profitieren von verbesserter Kommunikation mit Bürger*innen, was zu einer stärkeren öffentlichen Beteiligung an Entscheidungsprozessen führt. Die Einbeziehung von Bürger*innenperspektiven sorgt dafür, dass Entscheidungen und Regelungen wirksamer umgesetzt werden und stärker an aktuellen Herausforderungen ausgerichtet sind. Durch die Einbindung der Öffentlichkeit schafft Citizen Science breitere Unterstützung für politische Maßnahmen und liefert eine Fülle aktueller, praxisnaher Informationen. Dies hilft Behörden zudem dabei, die Auswirkungen von Regelungen genauer zu beobachten und Maßnahmen bei Bedarf anzupassen.
Ich fand es ziemlich beeindruckend, dass die jungen Menschen sehr schnell erfasst haben, dass es junge Menschen gibt, die Möglichkeiten zur politischen Beteiligung haben, und andere, die diese entweder nicht haben oder nicht nutzen. Dieses Ungleichgewicht an Möglichkeiten wurde sofort zu einem Thema im Workshop und wurde klar herausgearbeitet, bis hin zu der Forschungsfrage, warum bestimmte junge Menschen diese politischen Beteiligungsmöglichkeiten nicht nutzen.
Paula Elsholz
Stadträtin, Stadt Düsseldorf
Wenn wir an Stadtplanung denken, planen wir normalerweise 15, 20 Jahre im Voraus. Jemand, der jetzt 16 ist, genau für diese Person planen wir die Zukunft. Wenn wir sie also nicht in diesen Prozess einbeziehen, verpassen wir, glaube ich, wirklich gute Ideen.
Alexis Gordon
Stadt Charlotte
Mehr erfahren: Wer sind die wichtigsten Akteur*innen im Citizen-Science-Bereich?
Wenn du mehr über Co-Creation und Citizen Science erfahren und dich mit anderen Praktiker*innen vernetzen möchtest, wirf einen Blick auf diese Organisationen.
mit:forschen! (Deutschland): Als führende deutsche Citizen-Science-Plattform bietet mit:forschen! Ressourcen, Vernetzungsmöglichkeiten und Unterstützung für Praktiker*innen, Forschende und interessierte Mitglieder der Öffentlichkeit. mit:forschen! ermöglicht Kompetenzaufbau, Workshops und Vernetzung.
European Citizen Science Association (ECSA): Mit Sitz in Berlin bringt ECSA Organisationen und Einzelpersonen zusammen, die Citizen Science in ganz Europa praktizieren. Der Verband setzt sich für partizipative Methoden ein, gestaltet Qualitätsstandards, organisiert Arbeitsgruppen und fungiert als Anlaufstelle für Citizen Science in Europa.
Association for Advancing Participatory Sciences (US): Diese auf Nordamerika ausgerichtete Vereinigung, vormals Citizen Science Association, fördert Citizen Science durch Tagungen, Standards, berufliche Weiterbildung und Netzwerke zwischen Praktiker*innen, Forschenden und Verantwortlichen aus Communities.
Zooniverse: Als eine der weltweit bekanntesten Citizen-Science-Plattformen bietet Zooniverse einer breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit, zu Forschung in Natur- und Geisteswissenschaften beizutragen, und zeigt damit das Potenzial partizipativer Methoden für groß angelegte Forschung und öffentliche Beteiligung.
Spotteron: Bietet anpassbare digitale Tools und mobile Apps zur Unterstützung von Citizen-Science-Projekten, insbesondere für Umweltforschung und ehrenamtliches Monitoring. Der Fokus auf Nutzerfreundlichkeit hilft Projekten dabei, ein breiteres Publikum zu erreichen und die Beteiligung zu stärken, besonders unter jungen Menschen.