Warum brauchen wir Projekte wie „Co-Creating Our City“?
Viele Städte und Gemeinden erkennen, wie wichtig es ist, junge Menschen in die Stadtentwicklung und die lokale Politik einzubeziehen. Vertreter*innen in der Stadtverwaltung und lokale Entscheidungsträger*innen profitieren von den Erkenntnissen, die durch einen strukturierten Dialog mit jungen Menschen gewonnen werden. Die Einbeziehung der Stimmen junger Menschen stellt sicher, dass die Stadtpolitik inklusiv und nachhaltig ist, was nicht nur jungen Menschen, sondern der gesamten Community zugutekommt.
Trotz dieser Absichten gelingt es nicht immer, einen wirkungsvollen Austausch zwischen jungen Menschen und städtischen Entscheidungsträger*innen zu ermöglichen. Besonders junge Menschen, die unterrepräsentiert sind, vor besonderen Herausforderungen stehen oder bisher kaum an bestehenden Beteiligungsformaten teilgenommen haben, werden häufig nicht erreicht. In vielen Städten zeigt sich daher eine Diskrepanz zwischen den vorhandenen Angeboten und den Erwartungen junger Menschen daran, wie sie sich aktiv in die Gestaltung einer lebendigen Community einbringen können.
Junge Menschen möchten einen sinnvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben leisten, wenn ihnen entsprechende Möglichkeiten geboten werden. Häufig fehlen ihnen jedoch geeignete Zugänge oder Formate, die ihnen eine tatsächliche Mitgestaltung ermöglichen. Gleichzeitig können Städte effiziente Wege fehlen, um einen produktiven Austausch mit jungen Einwohner*innen zu führen. Traditionelle Formen der Jugendbeteiligung (z.B. Jugendräte) können als rein symbolisch oder losgelöst von tatsächlichen Entscheidungsprozessen empfunden werden.
Es gibt definitiv eine Kluft zwischen jungen Menschen und der Verwaltung, und mir war gar nicht klar, wie wichtig dieses Programm wirklich ist, bis ich selbst mittendrin war. Als ich mit Verantwortlichen gesprochen habe, habe ich verstanden, dass es eine große Kluft zwischen uns gibt.
Jessica Akonga
Citizen Scientist, Charlotte
Wir teilen unsere Interaktionen mit jungen Menschen in der Verwaltung oft in feste Kategorien ein. Die Leute denken dabei an junge Menschen, die protestieren, oder an junge Menschen, die an einem Programm oder Praktikum teilnehmen. Aber wir finden nur selten wirklich Wege, uns mit dem auseinanderzusetzen, was sie denken und was ihre Meinungen sind. Das ist seltsam, denn wenn wir an Stadtplanung denken, planen wir normalerweise 15, 20 Jahre im Voraus. Jemand, der jetzt 16 ist, genau für diese Person planen wir die Zukunft. Wenn wir sie also nicht in diesen Prozess einbeziehen, verpassen wir, glaube ich, wirklich gute Ideen.
Alexis Gordon
Stadt Charlotte
Lies mehr dazu: Jugendbeteiligung in Communities
Zum Mangel an Jugendbeteiligung und zur Unsichtbarkeit junger Menschen in lokalen Entscheidungsprozessen: Grant, H. (2025). Why aren't young people interested in local government? Local Government Information Unit.
Zu den Hürden, auf die junge Menschen stoßen, wenn sie sich in der lokalen Demokratie Gehör verschaffen wollen: Walther, A., Batsleer, J., Loncle, P., & Pohl, A. (2020). Young people and the struggle for participation: Contested practices, power and pedagogies in public spaces. Routledge.
Zu den Hürden für die Beteiligung junger Menschen in den Städten London, Belfast und Dublin, wie sie von politischen Entscheidungsträger*innen, öffentlichen Amtsträger*innen und Fachkräften der Jugendarbeit berichtet werden: Brady, B., Chaskin, R.J., & McGregor, C. (2020). Promoting civic and political engagement among marginalized urban youth in three cities: Strategies and challenges. Children and Youth Services Review, 116, 105184.
Zur Diskrepanz zwischen den Ansichten politischer Entscheidungsträger*innen und der alltäglichen Beteiligung junger Menschen an der lokalen Demokratie: Vromen, A., & Collin, P. (2010). Everyday youth participation? Contrasting views from Australian policymakers and young people. Young: Nordic Journal of Youth Research, 18 (1), 97–112.
Zum demokratischen Potenzial von Partnerschaften zwischen jungen Menschen und Erwachsenen in der lokalen Verwaltung: Booth, R. B., Guzman, P., & Suzuki, S. (2023). How effective youth-adult partnerships can grow voters. Center for Information & Research on Civic Learning and Engagement, Tufts University.
Zur Bedeutung informeller, lokal verankerter Wege für junge Menschen, sich in der lokalen Demokratie einzubringen: Harris, A., & Wyn, J. (2009). Young People's Politics and the Micro-territories of the Local. Australian Journal of Political Science, 44(2), 327–344.
Zur Notwendigkeit neuer Wege der Einbindung junger Menschen, die wirklich inklusiv sind und echte Macht teilen: Harada, A. (2021). How to involve a diverse group of young people in local government decision making: A case study of Danish youth councils. Compare: A Journal of Comparative and International Education, 53(5), 820–836.
Zur Unterstützung, die nötig ist, damit Jugendbeteiligung lokale Entscheidungsprozesse tatsächlich beeinflussen kann: Harsant, J. (2025). A Critical Inquiry into Young People's Participation and its Impact within Local Government Decision-Making (Doctoral dissertation). The University of Huddersfield.
Zur Bedeutung von Jugendbeteiligung für die demokratische Erneuerung in den Vereinigten Staaten: Hart, D., & Youniss, J. (2018). Renewing democracy in young America. Oxford University Press.
Zur Bedeutung lokaler Communities als sinnstiftende Arenen für Jugendbeteiligung: Pitti, I. (2015). Re-discovering the local: youth engagement. Open Citizenship, 5(2), 2435.
Zu den Plattformen und dem Vertrauen, die junge Menschen brauchen, um lokale Politik mitzugestalten: Sloam, J., & Henn, M. (2025). How young people can shape environmental policy in urban spaces. Policy & Politics, 53(1), 65–86.
Zur Jugendbeteiligung in ländlichen — nicht städtischen — Communities: Suppers, J. (2024). Young people's citizenship activities at and beyond school–exploring a new theoretical framework with empirical data from a rural community in Germany. Journal of Youth Studies, 27(3), 374–395.
Zu den Herausforderungen durch Symbolpolitik, Ausgrenzung und Misstrauen in der Jugendbeteiligung und wie sich diesen begegnen lässt: Andersson, E. (2022). Three major challenges in young people's political participation and a pragmatic way forward. In Z. Bečević & B. Andersson (Eds.), Youth Participation and Learning: Critical Perspectives on Citizenship Practices in Europe (pp. 17-35). Springer International Publishing.
Zu Ideen für radikale, Community-basierte Jugendbeteiligung jenseits traditioneller demokratischer Strukturen: Batsleer, J., Rowley, H., & Lüküslü, D. (2023). Young people, radical democracy and community development. Bristol University Press.
„Co-creating our City“ kann bestehende Lücken in der kommunalen Jugendbeteiligung schließen
„Co-creating our City“ -Projekte sind Kooperationsprojekte, die auf dem Citizen-Science-Ansatz beruhen. Die Forschungsprojekte werden dabei von jungen Menschen und lokalen Entscheidungsträger*innen gemeinsam geplant und durchgeführt. Die beteiligten jungen Menschen bringen ihre eigenen Erfahrungen und Perspektiven zu dem jeweiligen Forschungsthema aktiv in den Forschungsprozess ein. Auf der Grundlage ihrer Forschungsergebnisse erarbeiten junge Menschen und lokale Entscheidungsträger*innen konkrete Vorschläge, die die Vorstellungen junger Menschen für ihre Communities mit den praktischen Möglichkeiten kommunaler Umsetzung verbinden. Der Citizen-Science-Ansatz berücksichtigt die Perspektiven, Bedürfnisse und das informelle Wissen derjenigen, die einen exklusiven Zugang zu ihren Communities haben.
„Co-Creating Our City"-Projekte beziehen junge Menschen sinnvoll in Entscheidungsprozesse, die Konzeption und Durchführung von Forschungsvorhaben sowie die Politikgestaltung ein. Dabei arbeiten Mitforschende, also junge Menschen und Entscheidungsträger*innen gleichermaßen, zusammen und vertreten ihre Vorstellungen von Jugendbeteiligung und lebendigen Communities. Sie wenden wissenschaftliche Forschungsmethoden an und diskutieren ihre Ideen, wodurch zentrale Ziele wissenschaftlicher und demokratischer Bildung angesprochen werden. Gleichzeitig erfahren sie echte politische Selbstwirksamkeit, indem sie Veränderungen in ihren Städten vorantreiben.
Im Kern stellen Co-Creation und Citizen-Science-Methoden einen Paradigmenwechsel dar: Sie hinterfragen festgefahrene Vorstellungen darüber wer über legitimes Wissen und Entscheidungsgewalt verfügt und tragen dazu bei, bestehende Machtasymmetrien abzubauen, durch die die Perspektiven junger Menschen häufig weniger Beachtung finden. Dadurch rücken die Erfahrungen und Ideen junger Menschen in den Mittelpunkt lokaler Initiativen, und es wird sichergestellt, dass junge Menschen nicht nur konsultiert, sondern als unverzichtbare Partner bei der Gestaltung inklusiverer, bürgernaher und demokratischerer Städte einbezogen werden.
| Traditionelle Lösungen | Gemeinsam entwickelte Lösungen |
|---|---|
| Entwickelt für junge Menschen | Entwickelt gemeinsam mit jungen Menschen und lokalen Entscheidungsträger*innen |
| Hierarchische Arbeitsweise | Kooperative Arbeitsweise |
| Fachwissen von Erwachsenen wird bevorzugt | Verschiedene Formen von Fachwissen werden geschätzt |
| Wissen, das für Entscheidungsträger*innen und Fachpublikum generiert wird | Wissen, das für die praktische Anwendung generiert und mit relevanten Akteur*innen geteilt wird |
Grundsätze der „Co-Creating Our City“-Projekte
- „Co-creating our City“ -Projekte beziehen Mitglieder der jeweiligen Community sowie lokale Entscheidungsträger*innen aktiv in den Prozess ein, neue Erkenntnisse über die Bedürfnisse ihrer Community zu gewinnen und ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln.
- „Co-creating our City“ -Projekte beschäftigen sich mit konkreten Fragestellungen dazu, wie das Engagement in lokalen Communities gestärkt werden kann. Ziel ist es, durch qualitativ hochwertige Forschung Erkenntnisse zu gewinnen, um umsetzbare und wirkungsvolle Ergebnisse zu erzielen.
- „Co-Creating Our City“ -Projekte zielen darauf ab, junge Menschen und lokale Entscheidungsträger*innen als Mitforscher*innen in möglichst viele Aspekte des Forschungsprozesses einzubeziehen.
- Die Teilnehmenden an den „Co-Creating Our City“ -Projekten – seien es Projektleiter*innen, junge Menschen oder Erwachsene – profitieren von ihrer Mitwirkung und gewinnen neue Perspektiven, die ihr Verständnis vertiefen.
- „Co-Creating Our City“ -Projekte berücksichtigen rechtliche und ethische Aspekte in Bezug auf Datenschutz, Urheberrecht, geistiges Eigentum, Vertraulichkeit, Namensnennung sowie die Auswirkungen der Aktivitäten auf die Gemeinden.
- Die Teilnehmenden der „Co-creating our City“ -Projekte werden angemessen vergütet und in den Projektergebnissen sowie Veröffentlichungen namentlich gewürdigt. Darüber hinaus erhalten sie Rückmeldung über die Wirkung ihrer Arbeit und werden aktiv in die Weitergabe der Ergebnisse an relevante Akteur*innen in ihren Gemeinden einbezogen.
- Die Projekte von „Co-Creating Our City“ werden hinsichtlich ihrer Forschungsergebnisse, der Erfahrungen der Teilnehmenden sowie ihrer gesellschaftlichen oder politischen Auswirkungen bewertet.
Lies mehr dazu: Co-Creation in Städten und Gemeinden
Das Konzept des Co-creating in der Kommunalverwaltung wurde erstmals 1978 von der Ökonomin Elinor Ostrom von der Indiana University beschrieben, die die Bedeutung der Bürgerbeteiligung bei der Wissensgenerierung und Entscheidungsfindung hervorhob. Nach Ostrom führen Prozesse, in denen Communities aktiv an der Gestaltung von politischen Maßnahmen und öffentlichen Dienstleistungen beteiligt werden, zu Ergebnissen, die stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet, gerechter und nachhaltiger sind.
Co-creating -Projekte können gezielt so konzipiert werden, dass sie die tatsächlichen Wünsche und Bedürfnisse der Menschen widerspiegeln, was zu einem stärkeren bürgerschaftlichen Engagement, einer effizienteren Ressourcennutzung und einer besseren Gestaltung öffentlicher Dienstleistungen führt.
In gemeinschaftlichen Projekten kann die gleichberechtigte Teilung von Verantwortung, Erfahrungen und Wissen dazu beitragen, die Kommunikation, das Vertrauen und den Zusammenhalt innerhalb der Community zu stärken. Dadurch werden demokratische Prozesse gefördert und das gemeinsame Verantwortungsgefühl für lokale Entwicklungen gestärkt.
Banks, S., Hart, A., Pahl, K., & Ward, P. (2019). Co-producing research: A community development approach. Policy Press.
Greenhalgh, T., Jackson, C., Shaw, S., & Janamian, T. (2016). Achieving research impact through co-creation. BMJ Open, 6(2), 392–429.
Hickey, G., Richards, T., & Sheehy, J. (2018). Co-production from proposal to paper. Nature, 562(7725), 29–31.
Ostrom, E. (1990). Governing the commons: The evolution of institutions for collective action. Cambridge University Press.
Torfing, J., & Ansell, C. (2021). Co-creation: the new kid on the block in public governance. Policy and Politics, 49(2), 211–230.